Exkursion am 17.6.2017 zum 'Grünen Wall im Westen'
Exkursion am 17.6.2017 zum 'Grünen Wall im Westen' und dem Nationalpark Hunsrück-Hochwald
Am Samstag, dem 17.6. luden zwei Naturschutzverbände aus dem Kreis Kusel, nämlich die Kreisgruppe der Pollichia und die Kreisgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zusammen mit dem Potzbergverein zu einer Exkursion an den Grünen Wall im Westen und den Nationalpark Hunsrück Hochwald. Von Kusel aus machten sich ca. 25 Naturschützer und Naturinteressierte unter der Führung des Natur- und Landschaftsführers Winfried Sander mit einem Kleinbus zunächst auf nach Nonnweiler. Dort wurde die Besichtigung von Überresten des ehemaligen Westwalls bei Nonnweiler von Eva-Maria Altena geleitet, die für den BUND das Projekt Grüner Wall im Westen bearbeitet. Sie erläuterte die naturkundlichen Aspekte der alten Militäranlagen und wurde von dem Niederländer Patrice Wijnands unterstützt, der 2. Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung der Westwallanlagen ist und die technischen und militärhistorischen Aspekte der ehemaligen Militäranlagen darstellte.
Unmittelbar neben dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Nonnweiler, aber auch außerhalb des Ortes in der näheren Umgebung machte er auf Panzersperren aufmerksam, die zumeist durch grüne Büsche und Bäume verdeckt sind und dem normalen Passanten kaum auffallen. Auch wies er auf Bunker hin, die in entlegenen Waldstücken, aber auch in Dörfern zu finden sind, wo sie begrünt sind und zum Teil als Fundament für Häuser genutzt werden. Die Panzersperren bestehen aus mehreren Reihen von armierten Betonhöckern, die bis zu 1,50 m hoch und in einem Betonbett verankert sind und laut Militärtechnik der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts die Panzer an der Durchfahrt hindern sollten. Wijnands erläuterte sehr anschaulich, warum sich diese Anlagen nicht nur direkt an der Grenze zu Frankreich, sondern auch ca. 50 km von derselben enfernt wie in Nonnweiler befinden. Im Gegensatz zur Heeresleitung bestand die Luftwaffe darauf, dass auch ihre Stellungen und Flugplätze im Hinterland geschützt würden. Nach dem Krieg war es ein Hauptziel der Politik, diese Zeugnisse des Nazi-Militarismus zu vernichten. Dies gestaltete sich aber wegen der Unmengen an verbautem Beton als sehr aufwändig und teuer, so dass noch viele Exemplare erhalten sind.
Was haben aber ehemalige Militäranlagen mit Naturschutz zu tun? Dieser Frage ging Altena nach, die eine verblüffende Antwort zu Tage förderte: Die klobigen Panzersperren und Bunker entziehen sich in der Regel einer intensiven Nutzung. Überall, wo die Höckerreihen stehen, ist die Monotonie der ausgeräumten Landschaft durchbrochen und hat sich in den vergangenen 70 Jahren ein grünes Band von Büschen und Bäumen entfaltet, das als Biotopvernetzung für viele Pflanzen und Tiere von unschätzbarem Wert ist. Ähnlich wie das grüne Band an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Die Wildkatze, die davon profitiert, steht dabei stellvertretend für viele Arten.
Die zerstörten Bunker bieten Fuchs, Dachs, Marder und Fledermäusen wichtigen Unterschlupf. Bei Eindringen von Feuchtigkeit auch vielen Lurchearten. Bei notwendigen Maßnahmen zur Verkehrssicherheit empfehlen die Naturschützer, die Bunker nicht vollständig zu versperren, sondern zumindest durch Betonrohre für Tiere zugänglich zu machen. Der Landesverband Rheinland-Pfalz des BUND hat die Bedeutung dieser umgewandelten Lebensräume früh erkannt und für eine Erhaltung dieser ungeplanten Naturräume geworben. Die rheinland-pfälzische Landeseregierung hat die Stiftung 'Grüner Wall im Westen' ins Leben gerufen, durch die der Erhalt der historischen Anlagen und damit auch der Naturschutz gefördert wird.
Zu Mittag wurde mit Börfink im Herzen des neuen Nationalparks Hunsrück Hochwald das zweite Ziel der Exkursion erreicht. Nachdem im dortigen Forellenhof Trauntal ein Mittagessen eingenommen worden war, übernahm Dr. Ernst Segatz die weitere Führung. Segatz ist Mitarbeiter der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt und der Nationalparkverwaltung. Bei einer Wanderung rund um den Ortsteil Thranenweier, der sogenannten Inseltour, ging Segatz der Frage nach, wie Naturschutz in dem erst 2015 gegründeten Nationalpark gestaltet und entwickelt werden kann. Soll man die Natur sich völlig frei entfalten lassen oder muss der Mensch zumindest für eine Übergangsszeit regulierend eingreifen? Der Nationalpark ist mit ca. 11.000 ha nicht sehr groß, gehört zum größten Teil zu Rheinland-Pfalz und mit einem kleinen Teil zum Saarland. Er besitzt eine längliche Form, so dass er an manchen Stellen nur ca. 5 km breit ist, was für die Verfolgung des Naturschutzes nicht unbedingt förderlich ist.. Seine Gründung geschah nicht im luftleeren Raum, sondern war nur in Abstimmung mit den unterschiedlichsten Gruppen und Interessen möglich wie den Kommunen, dem Tourismus, den Jägern, der Forstwirtschaft und den privaten Holznutzern, um nur wenige zu nennen. Es versteht sich aber von selbst, dass der Naturschutz das vordringliche Ziel des Nationalparks ist. Kurz nach seiner Gründung ist es notwendig, früher vorgenommene schädliche Eingriffe des Menschen wie die Entwässerung von Mooren zu beseitigen, um den ursprünglichen naturnahen Zustand wiederherzustellen. In dieser Hinsicht ist der Nationalpark erst noch in der Entwicklung.
Während des Rundgangs veranschaulichte Segatz die vorgenommenen Naturschutzmaßnahmen an drei Beispielen. An einer Stelle fiel ein drastischer Kahlschlag von Fichten auf. Nicht das, was man sich unter einem Naturparadies vorstelle. Diese Baumart sei nicht typisch für die Region und im 18. und 19. Jahrhundert bevorzugt zur schnellen Holzgewinnung gepflanzt worden, erläuterte Segatz. Es gehe nicht darum, die Fichte auszurotten, sondern ihren Bestand auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Mit der Zeit würde die Buche ihre Stelle übernehmen. Als Nächstes machte er auf eine Wiese mit Borstgras und gelb-orange blühender Arnika aufmerksam. Diese Berggräser profitierten von der früheren Nutzung der Wiese durch Landwirte. Wenn diese wegfalle, seien Pflegemaßnahmen notwendig, sonst verschwänden die wertvollen Pflanzen durch Verbuschung.
Am Schluss überquerte die Reisegruppe über eine niedrige Holztreppe das Ochsenbruch, ein Hangmoor, das für den Hunsrück typisch ist. Das wertvolle Biotop entsteht durch Quellen in den Kammlagen der 600 bis 800 m hohen und regenreichen Bergregion, die die darunter liegenden Hänge mit Feuchtigkeit versorgen.
Im Gegensatz zu den mächtigeren Hochmooren seien die nur ca. 20 cm tiefen Hangmoore in ihrem Bestand noch stärker gefährdet. Früher angelegte Entwässerungsgräben müssten zurückgebaut und für das Moor untypische Pflanzen wie z.B. die Sandbirke entfernt werden. Dadurch werde das Wachstum typischer Moorpflanzen wie der Moorbirke begünstigt, so Segatz. Zum Schluss ließ es sich Wolfgang Steigner, der ehemalige Biologielehrer und Vorsitzender der Pollichia, vor Ort nicht nehmen, den Naturschützern die Saugfähigkeit und Aufnahmekapazität von kleinen Moospflänzchen konkret zu demonstrieren.
Nach einem ausgefüllten Tag war die Reisegruppe beeindruckt von der Komplexität des Naturschutzes und hatte, wie Reiseleiter Sander es formulierte, zunächst einmal das Bedürfnis, die vielen Informationen sacken zu lassen und zu verarbeiten. (Text: Rüdiger Quaer).
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